BalkonSolar: Wer hats erfunden?

25.4.2020 Präsentation zu BalkonSolar wird Vorbereitet.

Was ist erfinden?

Das ist gar nicht so einfach zu sagen und das ist für viele technische Erfindungen auch gar nicht möglich. Wer hat das Smartphone erfunden? Waren es die Leute, die schon Anfang der 1990er Jahre darüber nachdachten, dass man im Mobiltelefon ja Termine und Emails haben könnte? Oder waren es die Leute, die den Nokia Communicator erfanden? Oder die Leute bei Blackberry? Oder war es Steve Jobs, als er das erste iPhone entwickeln ließ und damit Smartphones von der Nische zum Massenprodukt machte? Bedeutet das Erfinden ausdenken? Bauen oder kommerziell für viele Menschen möglich machen?

Photon November 2016 : „Das Foto aus Pjöngjang (aufgenommen von der Abgeordneten Bärbel Höhn während einer Bundestagsreise nach Nordkorea) zeigt, wo das wahre Marktpotenzial von Steckdosenmodulen liegen könnte.“

Heute würden Science and Technology Studies erklären, dass es meist nicht einen genialen waißen alten Mann gibt, der etwas “erfindet”. Sondern dass die meisten Erfinder auf Vorarbeiten, andere Menschen und ein Ökosystem zurückgreifen und viele “Erfindungen” auch an unterschiedlichen Orten gleichzeitig stattfinden.

Zum Artikel: https://www.nytimes.com/1954/04/26/archives/vast-power-of-the-sun-is-tapped-by-battery-using-sand-ingredient.html

Solar Strom Geschichte

Ein entscheidender Schritt für die dezentrale Erzeugung von Solarstrom und Energie in Bürgerhand wurde letztendlich in der Schweiz begangen. 1979 installierte der Ingenieur Markus Real Solarmodule mit einer Leistung von 1,5 kWp auf einen Geräteschuppen und speiste zum ersten Mal in der europäischen Geschichte mit einem Wechselrichter Solarstrom in das öffentliche Stromnetz ein. “Doch von der Innovation der Netzkopplung erfuhr in dieser Zeit niemand, nicht einmal das örtliche Elektrizitätswerk” (Bernward Janzig, 2011: Solare Zeiten – die Karriere der Sonnenenergie. Freiburg im Breisgau)

Drei Jahre später, im Jahr 1982, ging im Tessin die erste Solaranlage der Schweiz ans Netz, die 35 Jahre lang Strom erzeugte.

Kurz darauf, im Jahre 1986 gingen in der Schweiz 333 Solaranlagen mit jeweils einer Leistung von 3 kWp erfolgreich ans öffentliche Netz und führten schließlich zum Durchbruch in anderen Ländern.

1988 baute die Firma Wagner zwei sogenannte Netzentlastungsgeräte (Wechselrichter) bei Kunden ein. Die Energieversorger bauten zwar große Demoanlagen, wollten aber von Dachsolar (noch) nichts wissen (“Markus Real – Wie kam die Sonne ins Netz?” Markus Real 2017).

1990 wurde das sogenannte 1000-Dächerprogramm eingeführt. Bis zur Jahrtausendwende entstand das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) in Deutschland und trat im Jahre 2000 in Kraft. Es war so erfolgreich, dass das Konzept in viele Länder exportiert wurde. In der Folge wurde die Technik zur Erzeugung von Solarstrom jährlich günstiger, so dass weltweit der Ausbau von Photovoltaik rasant anstieg.

(Quellen: https://www.energie-experten.ch/de/wissen/detail/die-geschichte-der-photovoltaik.html / https://www1.eere.energy.gov/solar/pdfs/solar_timeline.pdf / Fraas, L.M. (2014). History of Solar Cell Development. In: Low-Cost Solar Electric Power. Springer, Cham. https://doi.org/10.1007/978-3-319-07530-3_1 https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-319-07530-3_1)

Aber wie ist das mit Steckersolar?

Die Geschichte der Balkonkraftwerke (auch Steckersolaranlagen, Plug-in-PV oder Guerilla-PV) begann in den 1990er-Jahren mit der Entwicklung von Mikrowechselrichtern, die ursprünglich der Leistungsoptimierung bei verschatteten oder unterschiedlich ausgerichteten Photovoltaikmodulen dienten. Erst später wurde ihr Potenzial für kleine, steckbare Eigenstromanlagen erkannt und genutzt.

1994 stellte der Niederländer Henk Oldenkamp auf der IEEE First World Conference on Photovoltaic Energy Conversion den ersten Modulwechselrichter (OK4) vor. Kurz darauf kamen erste kommerzielle Mikrowechselrichter in den USA und Deutschland auf den Markt.

Anzeige von 1998 “Der Kraftzwerg”, Quelle Thomas Selterman

Auch bei Steckersolar gab es diverse Leute, die auf die Idee kamen oder Vorläufer entwickelten.

 In Deutschland haben der Journalist Thomas Selterman und Willi Krauß die ersten als „Solarkraftwerk“ bezeichneten kleinen Solargeräte mit einem Modulwechselrichter verkauft. Es lässt sich nicht mehr ganz bestimmen, ob das 1997 oder bereits 1996 gewesen ist.

Solare Zeiten, Bernward Janzing, S. 48

In Österreich gewann 1999 der Ingenieur Franz Niessler einen Preis für sein “Wechselstrom-Solarmodul (“Solarkraftzwerg”)”.

So dürfte es wie bei vielen Erfindungen sein: Sie lagen, als es die Voraussetzungen gab, gewissermaßen in der Luft.

1996 gingen in den USA die ersten netzgekoppelten Mini-PV-Anlagen mit Mikrowechselrichtern in Betrieb. In Deutschland brachten Willi Krauß und Thomas Seltmann 1997 den „Kraftzwerg“ (110-Watt-Modul mit Wechselrichter) heraus.

Ab etwa 2010 ermöglichte die chinesische Massenproduktion einen rapiden Preisverfall für Module und Wechselrichter, wodurch bezahlbare Steckersolargeräte möglich wurden. In Österreich startete Simon Niederkircher 2014 das „Solarzwerg-Experiment“, aus dem später das von Greenpeace Energy vertriebene Produkt Simon.energy hervorging.

In den 2010er Jahren gibt es auch schon die ersten Artikel in größeren Zeitschriften:

Im Jahr 2017 lieferten zwei unabhängige Studien (Photovoltaik-Institut Berlin und Fraunhofer ISE) den wissenschaftlichen Nachweis, dass bei Erfüllung bestimmter technischer Voraussetzungen ein sicherer Betrieb mit Schukostecker möglich ist.

Öffentlichkeitsarbeit und Aktivismus (1996 – heute)

1996 entstand in den USA der Begriff „Guerilla-PV“, als Aktivisten humorvoll Fotos ihrer ohne Genehmigung angeschlossenen Anlagen ins Internet stellten. Der Gedanke schwappte schnell nach Europa über.

Vortrag der Verbraucherzentrale 13.2.2020 in Freiburg

2009–2014 führte die spanische Fundación Tierra die internationale Kampagne „Guerrilla Solar“ durch und erhielt dafür 2009 den Eurosolar-Preis. In Deutschland popularisierte die DGS Berlin-Brandenburg ab 2014 den Begriff durch Kurse wie „PV-Guerilla für jedermann“.

Ab 2012 trieb Ralf Haselhuhn (DGS/HTW Berlin) die Akzeptanz voran. 2016 gründeten Thomas Seltmann und Marcus Vietzke die Arbeitsgruppe PVplug, die pvplug.de betrieb (Georg-Salvamoser-Preis 2018).

Balkon Solar in Freiburg zunächst als Arbeitsgruppe der badenova und Innovationsfond Projekt, September 2019 Social Media Accounts und Domain, eingetragener Verein ab 28.9.2021.

Sitzung des BalkonSolar Vereins 2020

Die Plattform MachDeinenStrom.de hat 2018 gelauncht. Der Newsletter startete schon 2017. MachDeinenStrom.de hat nicht nur erklärt sondern bot auch das einzige in über 200 Netzgebieten einheitliche Anmeldeverfahren an und hat dutzende Netzbetriebe dazu gebracht, eigene vereinfachte Anmeldungen einzuführen.

Seit etwa 2020 erklären YouTuber wie Dr. Andreas Schmitz („Akkudoktor“) die Technik verständlich.

Ab 2022 setzen Vereine wie Balkon Solar e.V. und Klimaschutz im Bundestag (KiB) e.V. erfolgreiche Petitionen ein, das führte auch zur Gründung der AG Balkonkraftwerk aus der dann auch der Bundesverband Steckersolar hervorging. Der massive Strompreisanstieg ab 2022 (Ukraine-Krieg) ließ die Nachfrage explodieren und machte Balkonkraftwerke zum Massenphänomen.

Normung (2013 – 2025)

Nach kontroversen Äusserungen von Holger Laudeley im Film „Leben mit der Energiewende“ warnte das Bayerische Staatsministerium für Wirtschaft am 22. Mai 2013 in einem Warnbrief „Technische Sicherheit von Mikro-PV-Anlagen“ vor angeblichen Gefahren (z. B. Stromschläge, Kabelbrände, Netzstörungen) und drohte Anlagenbetreibern sowie Installateuren mit Strafverfolgung wegen fahrlässiger Körperverletzung, Sachbeschädigung oder Betrugs. Zu diesem Zeitpunkt waren Erzeugungsanlagen im Endstromkreis in den VDE-Normen tatsächlich nicht vorgesehen, was den Gegenwind verstärkte.

Siehe etwa: „Tücken der Balkon-Fotovoltaik vom 8. September 2016, (…) Kropf hingegen hegt den „Verdacht, dass das Geschäftsgebaren der Stadtwerke vorrangig den eigenen Interessen der Stromvermarktung dient“. Es gebe nach seinen Informationen bereits 20 000 derartige Anlagen in Deutschland, die ohne Zwischenfall im Einsatz seien. Die Stadtwerke sehen das anders: Nachdem Kropf die Anlage bei den Stadtwerken angemeldet habe, seien sie in der Mithaftung, falls etwas passiere.“ (Süddeutsche Zeitung)

Anti Schreiben aus 2013


2016 Nach einer PVplug-Einspruchskampagne mit 300 Bürgern wurde die Installationsnorm DIN VDE 0100-551-1 geändert – erstmals waren Stromerzeuger im Verbraucherstromkreis erlaubt. Zeitgleich begann beim VDE der Normungsprozess für eine eigene Produktnorm. Parallel entwickelte die DGS einen Sicherheitsstandard.

2019 Nach einer PVplug-Einspruchskampagne mit 900 Bürgern wurde die Netznorm VDE-AR-N 4105 geändert – erstmals konnten Stromerzeuger vom Laien angemeldet werden. (Verhandlungsprotokoll)

2019–2025: Ein BMWK-gefördertes WIPANO-Verbundprojekt (u. a. DGS, DKE, Fraunhofer ISE, indielux, S.I.Z. GmbH, Verbraucherzentrale NRW) erarbeitete Sicherheitsuntersuchungen und einen Produktnorm-Entwurf.

Die Produktnorm VDE 0126-195 war hoch umstritten (Schukostecker, 800-VA-Grenze). Zwei Normentwürfe (2022 und 2024) erhielten jeweils mehrere hundert Einsprüche. Nach Runden Tischen und einem Schlichtungsverfahren wurde am 14. November 2025 die Vornorm DIN VDE V 0126-95 veröffentlicht (gültig ab 1. Dezember 2025). 

Sie normt Steckersolargeräte erstmals vollständig, erlaubt den Schukostecker bei erweiterten Sicherheitsfunktionen im Wechselrichter und hebt die Grenze auf 800 VA. Begrennzt Leistung der PV-Module 960 Wp wenn das Steckersolargerät keinen technischen Überlastungsschutz fur die Hausinstallation beinhaltet.

2020 die Websiote https://balkon.solar ist registriert und bei der Energieagentur steht ein „Simon“ rum.

Gesetzgebung (2022 – heute)

Ab 2022/2023 brachten EEG-Novellen und erfolgreiche Petitionen (Balkon.Solar e.V., Sebsatian Müller) schrittweise Vereinfachungen: stark reduzierte Anmeldepflichten, rückwärtslaufende Zähler wieder zulässig, erleichterte Mieterstrom-Regelungen.

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